Das Basler Mondhorn – ein Kultobjekt aus der Bronzezeit?

Mondhorn

Seit 1973 war man zwischen Rheingasse, Utengasse, Lindenberg und Theodorskirchplatz immer wieder auf bronzezeitliche Keramik gestossen. Überraschend war es deshalb nicht, als Arbeiter 1984 beim Leitungsbau in der Kleinbasler Kartausgasse acht Keramikscherben fanden.

Bislang waren jeweils nur wenig verzierte Gefässscherben ausgegraben worden; diesmal aber waren es acht reich dekorierte Bruchstücke, die definitiv nicht zu einem Topf gehörten. Eine Form aus diesen Bruchstücken zu rekonstruieren, stellte die Fachleute zunächst vor ein Rätsel. Dank des Dekors liessen sich die Fragmente zu einem sogenannten Mondhorn zusammensetzen.

Mondhörner wurden von den Archäologen wegen ihrer charakteristischen Form so benannt. Sie sind in ganz Mitteleuropa verbreitet und stellen typische Funde aus der Spätbronzezeit (1300–800 v. Chr.) dar.

Weniger leicht ist die Frage nach der Funktion dieser Objekte zu beantworten. Seit über 160 Jahren zerbrechen sich die Spezialisten den Kopf über Sinn und Zweck dieser geheimnisvollen Kultobjekte. Die Interpretationsvorschläge reichen von Nackenstützen, wie sie aus dem Alten Ägypten bekannt sind, bis hin zu Feuerböcken. Diese Deutungen werden von der aktuellen Forschung aber eher abgelehnt.

Da es aus der Bronzezeit keine schriftlichen Überlieferungen gibt, ist es schwierig, einen Einblick in die damalige Glaubenswelt zu erhalten. Dennoch ist die Deutung der Mondhörner als Kultobjekt am plausibelsten. Der Mond beziehungsweise die Mondphasen spielten im Kult sicher seit jeher eine grosse Rolle. In fast allen frühen bäuerlichen Kulturen finden sich bildliche Darstellungen vom Mond. Auch der Stier beziehungsweise Tierhörner sind seit der Altsteinzeit als Symbol für die Fruchtbarkeit und männliche Kraft bekannt. Bildliche Darstellungen aus der Bronzezeit sind zwar nur sehr spärlich überliefert, eine Fortführung dieser Mond- oder Horndarstellungen mithilfe des tönernen Mondhorns wäre aber durchaus denkbar.

Doch welche Funktion hatten Mondhörner im Kult oder bei Ritualen? Viele Mondhörner besitzen Brandspuren, was für einen Einsatz bei Brandopfern oder Feuerzeremonien spricht. Die eher plumpe Machart vieler Exemplare könnte darauf zurückzuführen sein, dass diese nur für einen einmaligen Einsatz hergestellt wurden. Ausserdem scheinen viele Mondhörner ein zyklisches Leben aufzuweisen: Sie werden nach einer gewissen Nutzungsdauer zerbrochen und ersetzt. Stehen sie damit für den weiblichen Fruchtbarkeitszyklus oder für die Mondphasen? Das Vorhandensein einer ausdrücklichen Schauseite deutet darauf hin, dass sie in einer Art Hausaltar oder an einer Wand aufgestellt waren. Vielleicht sollten sie böse Geister oder Krankheiten abwehren, wie wir das von Tierhörner aus späteren Zeiten kennen. Bei einzelnen Mondhörnern könnte die systematische Anordnung der Verzierungen vielleicht auch auf eine kalendarische Funktion hinweisen.

Zurzeit können im Museum BL in einer Sonderausstellung Mondhörner aus der ganzen Schweiz besichtigt werden, u.a. auch das Basler Mondhorn. Tauchen Sie ein in ein ungelöstes Rätsel der Urgeschichte!

Details

  • Fundobjekt: Mondhorn (Grösse: 19 cm)
  • Datierung: Spätbronzezeit (10./9. Jahrhundert v. Chr.)
  • Fundort: Kleinbasel (Kartausgasse)

Unser Tipp

Sonderausstellung: Mondhörner – Rätselhafte Kultobjekte der Bronzezeit

Museum BL, Liestal: 9. August bis 22. November 2020

Mondhorn Zoom

Das Basler Mondhorn: die Fragmente bestehen aus schlecht gebranntem, hell-graubraunem Ton mit feiner Magerung.

Zoom

Rekonstruktionszeichnung des Basler Mondhorn.

Das neu entdeckte Mondhorn

Auch auf der Riehener Ausgrabung wurde im Jahr 2020 ein kleines Fragment eines Mondhorns gefunden. Im Video erfahren Sie mehr über das aktuelle Fundstück.